Amnesty International: Alle 30 Sekunden ein verachtender Tweet gegen Frauen

Eine Frau hält sich die Hände vor das Gesicht, schwarzer HintergrundEs ist kaum zu ertragen, was Nutzerinnen auf Twitter über sich ergehen lassen müssen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Melanie Wasser

Was sagt man zu einer Frau, die im Internet ihre Meinung vertritt? Wie wäre es vielleicht mit: „Würde sie endlich mal die Klappe halten, wenn man sie vergewaltigen würde?“ Vielleicht aber auch: „Ich würde dir lieber mit einem Hammer ins Gesicht schlagen, du Weiße hassende, rassistische Schlampe. Geh endlich in Rente!“ Oder wenn man wirklich stichhaltig argumentieren will: „Schneidet ihr verdammt noch mal die Kehle durch, aber foltert sie erst.“

Es sind Sätze wie diese, mit denen viele Frauen auf Twitter täglich konfrontiert sind [echte Tweets, eigene Übersetzung]. Der Microblogging-Dienst, der von einem hohen Twitter-Manager einmal als „meinungsfreier Flügel der Meinungsfreiheit“ bezeichnet wurde, hat ein Problem. Die Plattform ist ein Nährboden für menschenverachtende Tweets. Vor allem Frauen sind ein häufiges Ziel dieser Hassbotschaften.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat 2018 zwei Studien veröffentlicht, in denen qualitativ und quantitativ untersucht wurde, wie weibliche User von den verbalen Attacken gegen sie betroffen sind und fordert Twitter auf, endlich aktiv zu werden. Der zweite, quantitative Teil der Untersuchung erschien Ende Dezember.

Rassistische, homophobe und sexistische Kommentare

Die Zahlen zeigen eine erschütternde Bestätigung dessen, worauf Twitter-Nutzerinnen in der Vergangenheit oft hingewiesen haben. Viele Frauen werden auf der Plattform massiv beleidigt und herabgewürdigt. Softwaregestützt hat Amnesty für die Untersuchung zunächst eine Datenbasis generiert, bei der nach eigenen Angaben darauf geachtet wurde, dass keine Verzerrung vorliegt.

Die Datenbasis umfasste 288.000 Tweets, in denen insgesamt 778 Nutzerinnen genannt wurden (sogenannte Mentions). Bei den genannten Frauen handelt es sich um Politikerinnen und Journalistinnen aus den USA und Großbritannien. Vertreten waren alle britischen Parlamentarierinnen, sowie alle weiblichen Abgeordneten des US-Kongresses und Senats. Die Journalistinnen, die in den Tweets genannt wurden, schreiben für Blätter mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung, von Guardian bis Breitbart.

Die Tweets wurden schließlich von über 6.500 freiwilligen UnterstützerInnen evaluiert, die nach einer kurzen Schulung online an dem Projekt mitarbeiten konnten. In über sieben Prozent der untersuchten Tweets wurden dabei Inhalte festgestellt, die rassistisch, sexistisch, homophob oder in anderer Weise menschenverachtend sind. Hochgerechnet bedeutet dieses Ergebnis, dass die 778 Frauen, deren Accounts untersucht wurden, über eine Million problematische oder missbräuchliche Nachrichten pro Jahr erhalten – eine alle dreißig Sekunden.

Die Studie zeigt auch deutlich, dass nicht alle Frauen gleichermaßen betroffen sind. Nicht-weiße Frauen sind überproportional schlimmer davon betroffen, mit verachtenden Mentions konfrontiert zu sein als weiße Nutzerinnen. Für Journalistinnen aus dem rechten Spektrum, also beispielsweise von der Daily Mail, der Sun oder Breitbart, ist es wesentlich wahrscheinlicher, Hassbotschaften zu erhalten als für linke Journalistinnen. Bei den analysierten Accounts der Politikerinnen verhält es sich genau andersherum: Linke Politikerinnen erhalten eher verachtende Mentions als rechte.

Das Problem ist lange bekannt

Der vor mittlerweile zwölf Jahren gegründete Microblogging-Dienst Twitter berief sich zu Beginn stets auf das Prinzip der Meinungsfreiheit, wenn Kritik um Hass schürende Inhalte laut wurde. Erst um 2015 begann man, Fehler einzugestehen. Es blieb dabei aber zumeist bei Lippenbekenntnissen. Der ehemalige CEO von Twitter, Dick Costolo, fasste es so zusammen: „Wir sind beschissen darin, mit Trollen und Missbrauch auf dieser Plattform umzugehen und wir sind bereits seit Jahren beschissen darin [eigene Übersetzung]“. Twitter-Richtlinien wurden über die Zeit angepasst und ergänzt, aber die Durchsetzung scheitert weiterhin. Immer wieder tauchen Horror-Geschichten wie die von Lindy West auf. Die Kolumnistin der New York Times wurde so lange beschimpft und niedergemacht, bis sie Anfang 2017 Twitter schließlich verließ.

Der erste Teil der Amnesty-Studie enthielt bereits explizite Handlungsempfehlungen, die von der Organisation deutlich an Twitter kommuniziert wurden. Einiges davon wurde aufgegriffen: Twitters diesjähriger Transparenzbericht führte erstmalig auch detailliertere Zahlen zur Durchsetzung der eigenen Richtlinien auf. Eine offenere und ausführlichere Kommunikation der Situation hinsichtlich der Art und Schwere von Gewalt und Missbrauch gegenüber Frauen auf Twitter war eine der Handlungsempfehlungen von Amnesty International.

Unklar ist, ob die Anpassung des Transparenzberichts eine direkte Reaktion auf die Handlungsempfehlungen von Amnesty International war. Die Menschenrechtsorganisation geht in der jetzigen Studie allerdings darauf ein, dass weiterhin Verbesserungsbedarf besteht. Beispielsweise würde derzeit noch nicht aufgeschlüsselt, gegen welche Zielgruppen sich gemeldete und gelöschte Tweets vor allem richten.

Hassbotschaften führen zur Selbstzensur

In dem im März erschienenen Bericht formuliert Amnesty International ganz deutlich das Problem, das sich aus dem verachtenden Umfeld für Frauen auf Twitter ergibt:

Die Gewalt und der Missbrauch, den viele Frauen auf Twitter erleben, wirkt sich negativ auf ihr Recht aus, sich gleichermaßen, frei und ohne Angst zu äußern. Anstatt die Stimme der Frauen zu stärken, führen diese Gewalt und dieser Missbrauch, den viele Frauen auf der Plattform erleben, dazu, dass Frauen das, was sie posten, selbst zensieren, ihre Interaktionen einschränken und sogar dazu, dass Frauen komplett von Twitter vertrieben werden. [Eigene Übersetzung]

Insbesondere Tweets, in denen Frauen ihre eigene Meinung äußern, wurden in der qualitativen Studie als Auslöser für Beschimpfungen und Drohungen identifiziert. Wenn sich Frauen als Reaktion auf den gegen sie gerichteten Hass von Twitter abmelden, gewinnen damit indirekt die Akteure, die verachtende Botschaften auf der Plattform verbreiten. Es kann allerdings kaum die Rede davon sein, dass diese Nutzerinnen „aufgeben“. Der permanente psychische Druck, täglich für die eigene Meinung oder schlicht die eigene Identität erniedrigt zu werden, ist für Nichtbetroffene kaum vorstellbar.

Wenn Twitter eine Plattform für freie Meinungsäußerung sein will, müssen sich die BetreiberInnen in der Verantwortung sehen, effektiv gegen dieses Problem vorzugehen. Die Handlungsempfehlungen aus dem Amnesty-Bericht können dafür eine Basis sein. Betroffenen Twitter-Nutzerinnen bleiben bis zu der längst überfälligen Weichenstellung nur einige wenige Selbstverteidigungsmethoden. Dazu zählt beispielsweise, sich mit anderen Frauen zusammenzuschließen und Block-Listen zu teilen.


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Quelle: Netzpolitik