Frankreich: Wie die Erniedrigung von Schülern durch die Polizei zum Protest-Symbol wird

Die Demütigung wird zum Protestsymbol und verbreitet sich auf sozialen Medien. [Bildbearbeitung: netzpolitik.org] Screenshot: YouTube

Nach gewalttätigen Schülerprotesten in der nordfranzösischen Kleinstadt Mantes-la-Jolie hat die Polizei gestern mehrere Dutzend Schüler:innen festgenommen. Die Bilder der Festnahme haben in Frankreich und international für Empörung gesorgt: Die von der Polizei bewachten Teenager müssen auf dem Boden knien und die Hände über den Kopf halten. Diese Erniedrigung erinnert sofort an den Umgang mit Häftlingen in Guantanamo oder an historische Erschießungsszenen. Doch die Protestbewegung hat sich die Szene angeeignet: In sozialen Medien verbreiten sich Fotos und Videos, die kreativ mit dem Ereignis spielen.

Große Protestbewegungen entwickeln immer Bilder, Ikonen, Handlungen und Begriffe, die als Symbol für den Protest stehen. Oftmals entstehen diese durch Aneignung, wie bei den Gezi-Protesten: Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete die Gezi-Demonstrant:innen als „çapulcu“ (Plünderer). In einem Prozess der Aneignung nannten sich die Protestierenden einfach selbst çapulcu – der Begriff änderte seine Bedeutung und wurde gegen denjenigen gewandt, der damit eigentlich die Protestbewegung diskreditieren wollte.

Ein ähnlicher Prozess ist jetzt mit der Gefangenenszene aus Mantes-la-Jolie zu beobachten. Nur einen Tag später haben andere Schüler sich bei ihren Protesten die Demütigung angeeignet – und wandeln sie als Ausdruck des Protestes gegen den Staat und seine Polizei.

Plakat mit Zitat: „Erlauben Sie mir, mich vor dem Mut und dem außerordentlichen Engagement unserer Polizisten zu verneigen.“ Alle Rechte vorbehalten Fred Sochard

Die Bilder aus Mantes-la-Jolie haben schon selbst eine mobilisierende Wirkung für die Proteste, denkt man zum Beispiel an Eltern, die sich ihre Kinder in der Situation vorstellen. Sie verstärken Wut und Unverständnis, vertiefen den Graben zwischen denen, die regieren und protestieren. Durch die Aneignung der Szene im Protest selbst, wird diese Wirkung noch einmal verstärkt und kann sich ins kollektive Gedächtnis der Bewegung einbrennen.

Sieht man sich auf Instagram und in anderen sozialen Medien Bilder von den derzeitigen Schülerprotesten an, tauchen seit heute immer mehr Fotos auf, bei denen Schüler die Vorkommnisse von Mantes-la-Jolie nachspielen.

Es entstehen aber auch Choreografien, bei denen die Schüler:innen aus der knieenden Haltung aufspringen und skandieren. Das Mem ist in Bewegung, es verselbstständigt sich in unterschiedlichen Formen. So wird das Ereignis nicht nur auf der Straße, sondern auch im Netz für Plakate und Sharepics künstlerisch aufgearbeitet.

Die repressiven Bilder von Mantes-la-Jolie sind also über Nacht, neben den gelben Westen, zu einem Symbol des Protestes geworden.


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Quelle: Netzpolitik